"Merkwürdig" habe ich diese Seite genannt. Merkwürdig, nicht im Sinne von komisch, sondern diese Geschichten sind es wert, gelesen zu werden, und sich das eine oder andere zu merken, eben - merkwürdig-

Und kürzlich habe ich eine Serie Live-Übertragungen bei Facebook gepostet. Einige der Texte daraus habe ich hier ergänzt.

Viel Spaß beim Lesen!


Nachtgedanken (2)

Guten Abend, ihr Lieben!

Hier ist eure Siegi Wilke

Heute ist Tag zwei meiner musikalischen Nachtgedanken.

Wie war euer Tag?

Stressig, weil ihr noch zur Arbeit gehen könnt und die Arbeit euch aber buchstäblich über den Kopf wächst?

Nervig, weil die Kids zu Hause sind. Schulen und Kitas sind ja geschlossen und so quirlen sie den ganzen Tag um euch herum?

Langweilig, weil es für euch zur Zeit keine Arbeit gibt und das Internet mal wieder ausgestiegen ist und ihr zwangsläufig offline seid?

Wie auch immer, dieser Tag geht nun zu Ende. Der morgige Tag bringt neue Herausforderungen aber auch neue Chancen mit sich.

Vielleicht kennt ihr die Situation. Ihr seid Teilnehmer im öffentlichen Straßenverkehr und auf Grund einer winzigen Unachtsamkeit von einem Verkehrsteilnehmer oder gar von euch selbst kommt es zum Crash. Gut, wenn dann jemand kommt, der zupackt und hilft, oder der Hilfe organisiert.

Nach einer Situation dieser Art entstand das Lied mit dem Titel „An der Straße“. Ich musste damals ziemlich lange warten, ehe mir geholfen wurde. So soll dieses Lied zur Zivilcourage ermutigen.

Ich möchte euch ermutigen, euch etwas zu trauen. Etwas, was ihr noch nie gemacht habt, womit ihr aber helfen könnt. Wenn ihr die Möglichkeit habt, geht Blut spenden, oder macht eine Telefonat, das möglicherweise anstrengend und schwierig ist, aber das notwendig ist.

Und so wünsche ich euch eine Gute Nacht, denn unser Vater im Himmel hat ein Auge auf euch. Seid und bleibt behütet.

© Siegi Wilke


Nachtgedanken (3)

Guten Abend, ihr Lieben!

Hier ist eure Siegi Wilke

Heute ist Tag drei meiner musikalischen Nachtgedanken.

Heute war ein guter Tag, jedenfalls bei mir. Kürzlich las ich in unserer örtlichen Presse, dass durch den Wegfall von Veranstaltungen und Vorstellungen ein Zirkus ganz in der Nähe meines Wohnortes gestrandet sei. Die Tiere hatten nicht mehr genug zu Essen und die Betreiber des Zirkus‘ durch den Wegfall der Einnahmen nicht genug Geld, die Tiere ausreichend zu versorgen. So machte ich mich auf den Weg zum Supermarkt, kaufte Brot, Möhren und Äpfel und Kartoffeln im großen Stil und brachte diese Lebensmittel dorthin. Die Dankbarkeit, die mir entgegengebracht wurde, fühlte sich richtig gut an. Eben ein guter Tag.

Aber es gibt auch andere Tage, z. B. Wenn man Anträge mit den dazugehörigen Formularen ausfüllen muss. In dieser Situation steckt jetzt so mancher, der Einnahmeverluste hinnehmen musste und auf die Förderungen des Staates angewiesen ist.

Formulare ausfüllen, ein Alptraum! Das sind dann Augenblicke, wo ich mir wünsche, ein kleines Kind zu sein. Spielen, versorgt werden und geliebt werden.... Ja sicher, unsere Kinder haben auch ihre Probleme, aber das ist doch nicht mit denen aus der Erwachsenenwelt zu vergleichen. Dennoch können wir viel von unseren Kids lernen: Gelassenheit, Spontanität, Kreativität, sich auf Veränderungen schnell einstellen können – so sind Kinder…

Heute erzählte mir jemand, dass sich ihr Enkelsohn sich den Klammerbehälter geschnappt hatte und an seinem Pullover am Saum ringsherum Klammern angesteckt hatte. Der Pullover sah toll aus! Es müssen nicht immer anspruchsvolle Spielsachen sein, nein, z. B. Knöpfe, Klammern, Löffel, Papierschnipsel und vieles mehr verwandeln unsere Kinder in kleine Wunderwerke….

Als ich gerade damit beschäftigt war, meine Steuererklärung zu machen und mir dabei ziemlich hilflos vorkam, entstand das Lied: „Manchmal wünsche ich mir, ich wäre Kind“

Und so geht dieser Tag zu Ende, die Kinder sind im Bett und auch auf uns legt sich langsam der Schleier der Müdigkeit.

Ich wünsche euch eine Gute Nacht, denn unser Vater im Himmel hat ein Auge auf uns. Seid behütet und bleibt behütet.

© Siegi Wilke


Ohne Wenn und Aber

Der Fahrradkurier

Er trat noch einmal kräftig in die Pedalen. Noch diese eine Sendung abliefern, dann konnte er für heute endlich Feierabend machen. Er arbeitete seit einem halben Jahr als Fahrradkurier, um seinen Lebensunterhalt während des Studiums zu finanzieren. Manche Tage waren richtig gut. Nicht selten bekam er auch Trinkgeld zugesteckt. Freundlichkeit zahlte sich eben buchstäblich aus. Der Empfänger der Expressbriefsendung wohnte am anderen Ende der Stadt. Er konnte die viel befahrene Hauptstraße benutzen oder aber die Abkürzung durch den Stadtpark wählen. Es dämmerte bereits. Da er sein Licht am Rad gerade erst überprüft hatte, stand der kurzen Fahrstrecke durch den Park mit seinen vielen alten hohen Bäumen nichts im Wege. Die Fahrt müsste in 10 min zu schaffen sein….

Unter den Bäumen war es dann doch schon merklich dunkler und er schaltete seine Beleuchtung ein. Plötzlich stieß er an etwas, was da wohl im Wege stand, ein heftiger Schlag auf den Kopf traf ihn, er stürzte und es wurde Nacht….

So hart war doch seine Matratze gar nicht, wieso lag er eigentlich schon im Bett? Er versuchte die Augen zu öffnen. In seinem Kopf hämmerte es wie bei einem Schlagzeugkonzert. Erst jetzt wurde ihm klar, was passiert war. Er lag auf dem Kiesweg, auf dem er vor einiger Zeit gestürzt war. Kleine Kieselsteinchen bohrten sich in seine Wange. Er wollte sich aus dieser misslichen Lage befreien, aber au, das schmerzte entsetzlich. Wahrscheinlich hatte er sich den Fuß gebrochen. Seine Hand lag in etwas Warmen. Jetzt realisierte er, dass dies wohl sein eigenes Blut war. Er hatte also auch irgendetwas im Bauchbereich abbekommen. Ein dumpfer heftiger Schmerz meldete das auf unangenehmer Weise. Er versuchte nach Hilfe zu rufen, aber es gelang ihm nicht. Schließlich knirschte der Kies. Das waren Schritte. Sie kamen sehr schnell näher. Da unterhielt sich jemand: „Ja, Schwester, mach das, Du wirst sehen, der Dienst an den Menschen, den Hilfsbedürftigen in unserer Gesellschaft, ist ein wichtiger Punkt in der Seelsorgearbeit unserer Kirche….“ „Oh, ein Pastor, das ist gut. Gleich wird er sich über mich beugen und dann wird mir schnell geholfen“, dachte er und schloss erschöpft die Augen. Aber die Schritt entfernten sich, ohne dass sie sich auch nur einen Augenblick verlangsamt hätten. Der Pastor hatte diesen armen Verletzten nicht einmal bemerkt…

Eine kalte feuchte Nase beschnupperte sein Gesicht. Leises Viepen sollte dem Herrchen signalisieren: ,Hier stimmt etwas nicht, schau mal nach.’ Der Collymischling blieb einen Augenblick neben dem Studenten sitzen, aber Herrchen fauchte: „Nun komm endlich Cäsar, schon wieder so ein Saufbold. Nicht wissen wann Schluss ist, und sich dann einfach mitten im Weg legen. Assigesindel...“ Cäsar gehorchte, Herrchen musste es ja wissen.

Immer wieder schwankte der Fahrradkurier zwischen Wachsein und Dämmerung, die Folgen des hohen Blutverlustes. Eine kräftige Brise aus Knoblauchduft und süßem Parfüm holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Große dunkle Knopfaugen schauten ihn aus einem Kopftuch umrahmten Gesicht an. „Junger Mann, ich ihnen helfen. Notruf habe ich gerufen. Doktor kommt gleich.“ Sie lächelte, er versuchte das Lächeln zu erwidern, aber es gelang ihm nicht. In der Ferne hörte er das Martinshorn eines schnell näher kommenden Rettungswagens. Jetzt wird doch noch alles gut...

Langsam nahm er die Welt um sich wahr. Diesmal war es wirklich ein Bett. Weich und warm, allerdings war seine Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Eine Vielzahl von Schläuchen, mit denen er an einige Monitore angeschlossen war, verhinderten, dass er sich auf die Seite drehen konnte. Aber der Kopf ließ sich zur Seite drehen, zu der Person, die er im Park gesehen hatte. Die braunen Knopfaugen. Wieder das Lächeln und fast flüsternd sagte sie: „Gut, dass sie leben. Ich gehe jetzt nach hause. Morgen kommen mein Mann. Er kümmert sich um alles. Dein Fahrrad kaputt, Rucksack kaputt, aber hier Brief. Soll wir den an Adresse geben?“ Er versuchte ein Danke seiner Stimme zu entlocken. Es gelang. Dann verschwand sie. Am nächsten Vormittag stand der Ehemann der Syrerin im Krankenzimmer. Er erzählte nun die ganze Geschichte von dem brutalen Überfall, dass man es auf Bargeld und Kreditkarten abgesehen hatte. Das Fahrrad hatte er in seine Obhut genommen und auch schon repariert. „Polizei wird noch kommen. Später, wg Anzeige und so. Aber jetzt werden gesund, mein Freund.“ Etwas unbeholfen und mit breitem Lächeln, das die weiß blitzenden Zähne zu sehen waren, stand er mitten im Raum. Der Student schloss die Augen. „Ja“, dachte er, das sind jetzt seine neuen Freunde, freilich, wenn er sie auch auf Schmerz freierer Art hätte kennenlernen mögen…. Er begriff erst jetzt was selbstlose Hilfsbereitschaft bedeutet. Helfen wo man gebraucht wird, ohne Wenn und Aber...


Die zweite Chance

 „… müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir Sie an unserer Universität nicht immatrikulieren können…...“ weiter liest er nicht, sondern knüllt dieses Absageschreiben der Uni zusammen und wirft es gegen die Wand. Das war der achte Versuch, sich an einer medizinischen Fakultät für ein Studium zu bewerben. Dieser unsäglich Numerus Clausus! „Ja dann muss eben Plan B greifen“, denkt er und geht in die Küche. Dort haben bereits der Vater und sein älterer Bruder mit dem Abendessen begonnen. „Du bist spät dran, mein Junge, die Bratkartoffeln werden kalt.“ Der Vater lächelt dem Sohn aufmunternd zu und reicht ihm den Teller. „Danke, Vater, aber wir müssen reden.“ „Worum geht es den?“ will der Vater wissen. „Ist doch klar“, mischt sich der ältere Bruder ins Gespräch, „bei ihm geht es doch immer um das eine.... Er braucht Geld, was sonst!“ „Naja, aber…“ „Wusste ich‘s doch“, der ältere Sohn stößt den Stuhl zurück und verlässt mit einem verachtenden Blick in Richtung Bruder die Küche. „Vater, du weißt, ich möchte so gern Medizin studieren, aber es klappt nicht. Keine Uni nimmt mich an. ...Da gibt es eine Stiftung, die bildet Medizinassistenten aus. Das sind keine einfachen Pfleger oder Krankenschwestern. Die Ausbildung gleicht einem Fachstudium. Mit diesem Abschluss in der Tasche könnte ich es dann bestimmt noch einmal versuchen und das würde sich ganz bestimmt positiv auf die Entscheidung für eine Zulassung zum Medizinstudium auswirken.“ „ Ja, wenn du meinst?“ Der Vater wirkte ratlos, „und wo ist die Stiftung?“ „Ja, das ist es eben. Das wird alles in Kapstadt gemanagt. Dort ist die Fakultät und der Hauptsitz der Stiftung. Die haben auch schon Absolventen zu „Ärzte ohne Grenzen“ geschickt. Ich könnte dort auch ein Praktikum anschließen und so meine ersten praktischen medizinischen Erfahrungen sammeln.“ Bei diesen Worten holt er tief Luft. Der Vater kennt seinen Sohn und weiß, dass es hierbei nicht ohne finanzielle Beteiligung geht. „Also wieviel brauchst du?“ „Alles in allem, mit Studiengebühren, Unterkunft und Verpflegung …. 40.000 €.“ Dem Vater stockt der Atem. Er führte mit dem älteren Sohn eine kleine Werkstatt. Sie hatte einen guten Ruf weil sie gute Arbeit für moderate Preise lieferte. Die Zahlungsmoral der Kundschaft war gut und so lief das Geschäft. Allerdings konnten Sie keine großen Rücklagen bilden. Der Vater hatte sich lediglich über die Jahre eine kleine Rente zur Seite gelegt. „Tja, wenn du es so nötig brauchst, werde ich wohl meine Rente anzapfen müssen.“ In diesem Augenblick kam der ältere Sohn wieder in die Küche. „Vater nicht deine Altersvorsorge!“ rief er entsetzt. „Lass mal mein Großer, ich weiß was ich tue“, versuchte er ihn zu beschwichtigen.

 

Dann ging alles sehr schnell. Der jüngere Sohne leitete alle nötigen Schritte ein und wenige Wochen später landete er in Kapstadt. Die Unterkunft war bescheiden, aber zweckmäßig. Auch das Studium verlief so wie er es erwartet hatte. Bald hatte er auch einige junge Leute kennengelernt. Man traf sich in einer kleinen Bar um die Ecke, um sich von der Fülle des Lernpensums zu erholen. Die Jungs hatten eine überzeugende Methode sich zu entspannen. Pferdewetten. Bald war auch der Sohn von dem Nervenkitzel bei diesem Spiel fasziniert. Und immer gab es auch einige Mädchen, die zur Unterhaltung beitrugen. So mancher Schein der von seinem Vater sauer verdienten Altersvorsorge wechselte so seinen Besitzer. Gönnerhaft gab er auch seinen Freunden bereitwillig Kredit. Ganz bestimmt gewinne ich beim nächsten Mal. So versuchte er sich zu beruhigen, wenn er mal wieder einen Tausender in den Sand setzte.

 

Eines schönen, sonnigen Tages, als er gerade in die Straße zur Fakultät einbog, sah er Qualm und hörte Sirenengeheul. Ein Unfall, schoss es ihm durch den Kopf. Als er näher kam, sah er, dass von dem ganzen schönen Gebäude nur ein Haufen Schutt über geblieben war. Die Stiftung was das Opfer eines Terroranschlages geworden. Kurz darauf teilte man den Studenten mit, dass es diese Stiftung nicht mehr gäbe, dass alle eingezahlten Studienbeiträge damit verloren sind und man hoffe, dass die jungen Leute woanders ihre medizinische Laufbahn fortführen könnten.

 

Er war wie vor dem Kopf geschlagen. Mit Geld konnte er nicht wirklich umgehen und so war von Vaters Geld nicht viel über geblieben. Er versuchte einen Job zu bekommen, aber ohne Erfolg, denn er hatte ja keine Arbeitserlaubnis. Inzwischen hatte man ihn aus seinem Apartment geworfen, weil er die Miete nicht mehr zahlen konnte. Die Nächte in Südafrika waren empfindlich kalt. Wo sollte er nur unter kommen? Seine Freunde vom illegalen Wettbüro hatten sich in Luft aufgelöst. Es fiel ihm schwer, aber ihm bleib nur der Weg zum Pfandhaus. Vaters Siegelring, den guten Joopanzug, die teure Junghansuhr…. Was er dafür bekam, reichte gerade noch für ein Schiffsticket bis an die französische Küste. Ja, sein Entschluss stand fest. Nach Hause! Hier konnte er nicht überleben und hier wollte er auch nicht bleiben. Vielleicht könnte er fürs erste Hilfsarbeiten in der Werkstatt verrichten. Hoffentlich ließ sich der Vater darauf ein…

 

Während der Überfahrt musste er an den Abend denken, als sie in der Küche die leckeren dampfenden Bratkartoffeln gegessen hatten. Sein Magen knurrte. Seit langem hatte er nichts richtiges gegessen. Nur billiges Brot, etwas Obst und Wasser. Für mehr reichte das Geld nicht. Wie sehr sehnte er sich nach Hause. Aber genauso sehr kamen immer massiver die Zweifel, wie wohl der Vater reagieren würde, wenn er vor ihm stehen würde. Möglicherweise würde er ihm die Tür vor der Nase zuschlagen. Möglicherweise würde ihn sein Bruder mit Verachtung strafen, aber egal, er musste es versuchen. Das war die einzige Chance zu überleben….

 

Es war etwa 5.00 Uhr die Sonne war noch nicht aufgegangen. Es lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken, als er in die Straße, in der sein Elternhaus stand, einbog. Das vertraute Kopfsteinpflaster, die matt scheinenden Straßenlaternen und die Leuchtreklame über der Tür zur Werkstatt. Wie sehr er es verdrängt hatte, ist ihm erst in diesem Augenblick bewusst…

 

Der Vater war, wie fast täglich, seit sein Jüngster weg war, viel zu früh aufgewacht. Er stand auf und ging zum Fenster. Wie jeden Morgen schaute er die Straße hinunter. In Gedanken sah er seinen Sohn die Straße heraufkommen. Aber das konnte ja nicht sein. Seit über einem Jahr war er fort und die Nachrichten aus Südafrika kamen spärlich und wirkten nicht gerade beruhigend. Er beobachtete einen abgerissenen Penner, der mit schleppendem Gang die Straße heraufkam. Die Kleidung abgewetzt und für die Jahreszeit viel zu leicht. Der Gang, schwerfällig, fast so, wie der seines Sohnes. In diesem Augenblick schaute der Penner hinauf zum Fenster des Vaters und ihre Blicke trafen sich. Der Vater stürzte die Treppe hinunter, riss die Tür auf und Vater und Sohn lagen sich in den Armen. Beide schluchzten und gingen nach unendlichen Umarmungen ins Haus. Keine Vorwürfe, keine Ermahnungen. Stumm servierte der Vater dem ausgemergelten Sohn ein kräftiges Frühstück und holte eine Wolldecke, ehe er die Heizung aufdrehte und bald wohlige Wärme die Küche durchzog. Nachdem der Sohn sich etwas gefangen hatte, sprudelte es aus ihm heraus, ein Wirrwar an Geständnissen, Reue und Beteuerungen. Der Vater lächelte und legte sanft die Hand auf den Mund des Ankömmlings. „Du bist da. Du lebst! Du bist mein geliebtes Kind.“ Noch einmal nahm er ihn in den Arm. Es schien, als müsse er sich vergewissern, dass er nicht träumte. Von dem Tumult wach geworden, kommt in diesem Augenblick der ältere Sohn in die Küche. „Hab ich es doch geahnt!“ rief er „der reumütige Sünder kehrt zurück.“ Einen Blick mit spöttischem Grinsen wirft er seinem Bruder zu, dann knallt er die Tür hinter sich zu und macht sich in der Werkstatt zu schaffen. Der Vater war ihm gefolgt und setzt sich auf einem Hocker gleich neben der Werkbank.

 

„Junge, was soll das. Dein Bruder ist wieder da. Warum freust du dich nicht?“ „Ja er ist wieder da. Und, hat er deine Altersvorsorge mitgebracht? Ich denke nicht, die darf ich jetzt erwirtschaften! Für mich hast du noch nie etwas spendiert“ „Kind sei nicht ungerecht. Wir haben bisher alles geteilt. Was meins ist, ist auch deins. Und wir werden gemeinsam gute Gewinne erzielen und gern sollst auch du dein Teil davon abbekommen. Ich bin so froh, dass ich dich habe. Du bist mein geliebtes Kind.“ „Nein Vater, diesmal ist er zu weit gegangen. Ich weiß im Augenblick nicht, ob du weiter auf mich zählen kannst. Das ist alles ein bisschen viel für mich. Und jetzt muss ich diesen Auftrag hier fertig bekommen.“ Damit wendet er sich wieder seiner Arbeit zu. „Ich dachte, wir grillen heute Abend mit ein paar Freunden. Sozusagen eine kleine Heimkehrerfeier. Bist du dabei?“ Der Sohn schweigt. Noch lange sieht der Vater seinen Jungen an. Der spührt den Blick auf seinem Rücken. Aber er kann es einfach nicht, nicht in diesem Augenblick. „Jeder hat eine zweite Chance verdient, auch dein Bruder.“ Mit diesen Worten verlässt der Vater die Werkstatt.


Happy ist wieder da!

Meter für Meter prüft er den Maschendrahtzaun und sucht ihn nach möglichen schadhaften Stellen ab. Irgendwo muss doch ein Loch sein, durch das sein kleiner Kater entschlüpfen konnte. Da, was ist das? An der Stelle, wo der Maschendrahtzaun in einen Holzzaun übergeht, ist ein Brett leicht zur Seite geschoben und gibt den Weg frei. Gerade so groß ist der Spalt, dass ein kleiner Kater, wie Happy mit seinen 5 Monaten hindurch schlüpfen konnte.

 

Er schaut zur Uhr. Es ist Fütterungszeit. 9 Katzenaugenpaare schauen auf die leeren Teller in der Waschküche. Er muss sich beeilen. Mit einigen gekonnten Handgriffen hat er den Spalt schnell wieder verschlossen. Jetzt beeilt er sich, das Futter in die Katzenschalen zu füllen. Ein Schnurren und wohliges Schmatzen erfüllt den Raum. Eine der jungen Katzen schmiegt sich an seine Waden. Vielleicht meint sie so noch ein Leckerchen ergattern zu können. Aber er hat heute keine Gedanken dafür. Sein Lieblingskätzchen fehlt. „Happy, wo bist du nur?“ fragt er sich selbst und geht ins Haus. Er verstaut einige Vermisstenanzeigen, die er am Morgen noch ausgedruckt hatte, in seiner Tasche, zieht die Jacke über und tritt ins Freie.

Überall im Ort befestigt er diese kleine Plakate. An Hauswänden, an Bäumen, an Bänken, an der Bushaltestelle. Er spricht Nachbarn und Anwohner der Straße an, aber niemand hat auch nur die Schwanzspitze von Happy gesehen. Er geht über die an sein Grundstück angrenzende Wiese und am Feldrain entlang. Nirgends raschelt es im Gebüsch und nirgends auch nur ein kleines, ihm so vertrautes Mauzen. Inzwischen ist es stockfinster und er tritt den Heimweg an. Für heute muss er die Suche einstellen, aber morgen früh und dann gleich nach der Arbeit wird er systematisch die Umgebung noch einmal absuchen.

 

Mitten in der Nacht wird er wach. Hatte er eben nicht ein klägliches Miauen vernommen? Blitzschnell steht er auf, greift zur Taschenlampe und tritt auf die Terrasse. Im Lichtkegel der Lampe huscht ein Igel vorbei und sucht Schutz unter einem Strauch. Er lauscht in die Stille. Schließlich geht er enttäuscht zurück in sein Bett. Sicher hatte er das nur geträumt, versucht er sich zu beruhigen.

 

Nach dieser unruhigen Nacht geht die Suche weiter. Er unterbricht die Suche nur ungern, aber die Arbeit ruft.

Gleich nachdem er von der Arbeit zu Hause eingetroffen ist, macht er sich erneut auf die Suche. Da, ein Lichtblick. Ein Nachbarsjunge, der mit seinem Hund unterwegs war, hatte am Feldrand in der großen morschen Eiche ein kleines Kätzchen gesehen. Er hatte sich noch gewundert, wie es wohl da heraufgekommen war. Als er zu Hause der Mutter davon erzählte, konnte sie sehr schnell Eins und Eins zusammen zählen und informierte den Besitzer des kleinen Ausreißers.

 

Nun ging alles sehr schnell. Mit einem langen Haken und einer Leiter bewaffnet, eilt er zur Eiche.

Natürlich, dort oben, wo es nicht mehr weiterging, dort sitzt der Unglückskater und schreit aus Leibeskräften. Er hatte sein Herrchen längst erkannt und hoffte wohl durch das Schreien die Hilfe zu beschleunigen. Er muss jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Auf den Baum klettern, war zu gefährlich, da die Eiche zu viele morsche und abgestorbenen Äste hatte. Die Leiter reichte nicht aus. Jetzt versuchte er mit dem Haken die Äste herunter zu ziehen. Plötzlich brach ein großer Ast mit lautem Getöse ab und glitt zu Boden. Happy fiel seinem Herrchen direkt in die Arme….

 

Er barg das zitternde Tier in seiner warmen Jacke und trug es nach Hause. Inzwischen waren die Nachbarn herbei geeilt und wollten helfen. Die Nachricht, dass Happy wieder gefunden worden war, verbreitete sich in Windeseile. Im Haus bekam Happy erst einmal eine gute Mahlzeit, etwas Wasser und ein weiches gemütliches Plätzchen zum Schlafen. Mit wohligem Schnurren und einem tiefen Seufzer schlief er auch gleich ein. Er war zu Hause. Jetzt war alles wieder gut.

 

Lange schaute er dem schlafendem Tier zu. Er war erleichtert und beeilte sich noch, um schnell die Plakate im Ort zu entfernen. Dann sagte er denen Bescheid, die er gebeten hatte nach Happy, Ausschau zu halten. „Happy ist wieder da, er war verloren und ist wieder gefunden worden. Ich bin so froh und dankbar!“ Dann ging er ins Haus und gönnte sich ebenfalls ein Nickerchen nach all der Aufregung der letzten Tage….